Urnen in Hohnhorst

Urne in Hohnhorst

Dazu ein Bericht von Jens Berthold,
Kommunalarchäologie Schaumburger Landschaft, Schloßplatz 5, 31675 Bückeburg.

Urnen in Hohnhorst – Schaumburgs größtes Gräberfeld

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dieser Satz gilt natürlich auch für die Archäologen, selbst wenn die sie sich vorwiegend mit der Vergangenheit beschäftigen. Bei Bauvorhaben gilt es nämlich schon im Vorhinein auf mögliche Funde hinzuweisen. So war es auch bei den vielen Biogasanlagen des Jahres 2011, von denen eine in Hohnhorst bei Bad Nenndorf errichtet wurde. Im Umkreis von 1,6 km war keine einzige archäologische Fundstelle bekannt. Da es sich nicht um ein unwirtliches Moor oder Gebirge handelte, sondern um eine fruchtbare Lösszone am Mittelgebirgsrand, sagte diese Funddichte nichts über die Bevölkerungsdichte der vergangenen Jahrtausende aus. Vielmehr zeigt sich hier wie wenig bislang nach Funden gesucht wurde. Der Ehrenamtliche Beauftragte für Bodendenkmalpflege R. Reimann aus dem Nachbarort ließ sich im Vorfeld am künftigen Bauplatz blicken, konnte aber auf dem Wiesengelände keine Scherben entdecken, und der Detektor schlug auch nicht an. So blieb bei der Prognose, ob in dieser Baustelle Fundstellen zerstört werden könnten, nur zu sagen: Bekannt ist nichts, aber man weiß ja nie.

Unverhofft erreichte den zuständigen Archäologen kurz nach Baubeginn trotzdem ein Anruf. Es seien Urnen gefunden worden. Der Baggerfahrer W. Seegers hatte glücklicherweise bereits für Archäologen auf anderen Ausgrabungen gebaggert und wusste, was die dunklen Kreise mit den hellen Bröckchen darin sind: Keramikgefäße und darin enthaltene verbrannte Knochen. Er wie auch der Bauherr C. Lattwesen meldeten den Fund unverzüglich, und am Mittag desselben Tages startete eine nicht ganz gewöhnliche Ausgrabung. Vielleicht mag der im Ort sehr engagierte Landwirt von Kollegen und Freunden merkwürdig angeguckt worden sein, sich die Archäologen auf die Baustelle zu holen – wirklich bereut hat er es aber nie!

Anfangs waren es nur wenige Gefäße mit Leichenbrand, die 30 cm unter der Erde zutage traten. Viele waren schon durch den Pflug gestört, andere noch vollständig, wenn auch durch den Erddruck rissig. Aus dem überschaubaren Projekt, das mit den überschaubaren personellen Mitteln der Kommunalarchäologie der Schaumburger Landschaft (eine einzelne 70%-Stelle) noch hätte bewältigt werden können, entwickelte sich jedoch schnell eine veritable Grabung mit einem Vielfachen von dem, was der Schaumburger Boden je an Urnen Preis gegeben hatte. Die Zahl der aufgedeckten Bestattungen wuchs schneller, als die Gräber geborgen werden konnten. Glücklicherweise waren das Interesse und die Möglichkeit zu helfen sehr groß, Ehrenamtliche mit und ohne Grabungserfahrung beteiligten sich, und sogar der Bauherr grub eigenhändig mehrere Urnen aus. Auch die Bezirksarchäologie Hannover des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege legte die eigene Grabung still, um das Team nach Hohnhorst umzubeordern (Abb. 1). Durch diesen Einsatz und 12 Stunden-Schichten gelang, es innerhalb von elf Tagen die über 300 Gräber mit den nötigen Informationen in einer Notgrabung zu retten.

Insgesamt fanden sich etwa 265 Urnen oder Reste von zerstörten Urnen. Meist gehörte dazu Leichenbrand, teils auch ein Beigefäß. An mindestens 50 Stellen wurden Konzentrationen von verbrannten Knochen ohne (erhaltene) Gefäße entdeckt. Insgesamt ist dies damit einer der größeren Friedhöfe der vorrömischen Eisenzeit in Norddeutschland. Dabei wurden die Grenzen nur in zwei Richtungen recht sicher erreicht. Wenige Gruben, Pfostengruben und ein Ofen zeigen an, dass der Platz vorher oder nachher vermutlich auch als Siedlungsstelle genutzt worden war.

Die Urnen verteilten sich unregelmäßig auf eine Fläche von mindestens 20 × 40 m und standen in zwei Arealen von jeweils etwa 50 m² äußerst dicht (Abb. 2). Manche Gräber scheinen die Nähe zu anderen regelrecht „gesucht“ zu haben, andere hatten ältere Bestattungen in Teilen zerstört. Ob sich hier verschiedene Hofstellen, Familien oder zeitliche Belegungsschwerpunkte andeuten, muss noch geklärt werden.

Die Toten wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, die Knochen ausgelesen, gewaschen und in Urnen aus Keramik oder anderen Materialien beigesetzt. Wenn sich das Behältnis aus Holz, Stoff oder Leder nicht erhalten hat, bleibt heute nur ein Leichenbrandnest. In den schwierigen Bodenverhältnissen in Hohnhorst waren nicht einmal Spuren der Grabgruben auszumachen. Ebenfalls fehlten Anzeichen für Markierungen der Gräber durch Hügel, Gräben oder dergleichen völlig. Reich an Beigaben sind die Gräber dieser Zeit in dieser Region nicht. Im Grabungsverlauf fielen mehrere kleine Beigefäße aus Ton in und an Urnen auf. Metall- und Glasfunde waren äußerst rar.

Die Hohnhorster Urnen wurden nach der groben Freilegung einzeln mitsamt umgebendem Erdmantel in Haushaltsfolie eingewickelt und ließen sich so unbeschadet heben und transportieren. Mit zusammengerechnet zwei Kilometern Haushaltfolie wurden auf diese Weise 200 Erdblöcke gefestigt und geborgen. Der Landkreis Schaumburg stellte für den enormen Fundanfall zwei Räume als Magazin zur Verfügung. Die weitere Ausgrabung an den einzelnen Urnen kann dadurch ohne den Druck der Baustelle im Labor fortgesetzt werden.

Für gewöhnlich kommen einzelne Gräber oder kleinere Gruppen von Urnen pro Fundstelle vor, ganz selten werden aber auch vierstellige Gräberanzahlen erreicht. So in dem etwa 25 km entfernten Leese mit 1000 Bestattungen. Mit diesem Gräberfeld lässt sich der Hohnhorster Fund recht gut vergleichen. Hier wie dort befindet man sich in der so genannten „Nienburger Gruppe“, die durch spezielle Gefäßformen wie die Nienburger Tasse charakterisiert wird (Abb. 3). „Moora“, die Moorleiche aus dem Uchter Moor gehört ebenfalls in diese Zeit der Jahrhunderte von etwa 700 bis 300 v. Chr.

Die zugehörige Siedlung zum Gräberfeld ist noch nicht lokalisiert – fast zwangsläufig bei der geringen Fundstellendichte dieser Zone. Das Dorf Hohnhorst ist aber nur einen halben Kilometer weit entfernt. Wie der zweite Namensteil schon andeutet, liegt der Ort auf einer deutlichen Anhöhe mehrere Meter über dem umgebenden Gelände. Ein siedlungsgünstiger Platz, von dem allerdings bislang aus der Eisenzeit keinerlei Funde vorliegen; der Großteil ist ohnehin seit langem überbaut. Die letzten beiden Jahre haben aber an verschiedenen Stellen des weiteren Umfeldes Reste von Siedlungen erbracht. Bei Baumaßnahmen konnten in Leese, Lauenau/Apelern und Rodenberg Siedlungsbefunde gesichert werden, die wohl auf Hofanlagen zurückgehen. Bleibt es weiter bei diesem Fundzuwachs, steigen die Chancen, auf Dauer einen gesunden Einblick in die Besiedlung an Mittelweser und Mittelgebirgsrand in den Jahrhunderten vor Christus zu gewinnen.

Die Aufarbeitung der 600 Fundkomplexe hat erst begonnen, die meisten Urnen und Beigaben sind im Detail noch gar nicht gesichtet, geschweige denn bewertet. Hier liegt noch eine Menge Arbeit für Restauratoren, Anthropologen, Zeichner und Archäologen und ein (fast) ungehobener Schatz für die Forschung. Erst nach der Aufarbeitung sind genaue Angaben zur Belegungsdauer, zur Größe der Siedlung und zum Lebensalter der Bevölkerung zu machen. Dieses Projekt und seine Finanzierung müssen noch Formen annehmen. Die vorrömische Eisenzeit in Schaumburg und Nienburg würde dann neben den laufenden Göttinger Doktorarbeiten zur Besiedlung um das Uchter Moor (Moora-Projekt) und das Gräberfeld von Leese durch eine weitere Fundstelle beleuchtet werden. Verdient hätte es dieser Platz, der schon jetzt zu den wichtigsten archäologischen Ausgrabungen im Landkreis gehört.

Die Bauarbeiten mussten übrigens während der ganzen Grabungszeit nie abgebrochen werden. Urnen-freie Bereiche wurden freigegeben, so dass dort der Baubetrieb weiterlief. Mit Blick auf die zum Jahresende 2011 auslaufende günstige Vergütung pro Kilowattstunde nicht ganz unerheblich für den Bauherrn. Das Interesse an der Ortsgeschichte ließ ihn schließlich zusammen mit der Gemeinde die Restaurierung von einigen Urnen finanzieren, damit vor Ort schon jetzt präsentiert werden kann, was vor Ort gefunden wurde. Seit Anfang 2012 sind diese Urnen in einer kleinen Ausstellung in Hohnhorst zu besichtigen. Zur Freude des Ortes und des Bauherrn.

Alle Abbildungen von Jens Berthold

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